Berlins andere Frequenz
Franz Scala über verschwundene Venues, Italo-Disco in der Panorama Bar und die Sounds, die Berlins Clubkultur auf einer anderen Wellenlänge erzählen.
Berlin mag international vor allem für Techno stehen, doch war die Stadt auch immer ein Ort für musikalische Grenzgänge. Franz Scala zählt zu den Stimmen einer Berliner Clubkultur, die sich schon immer jenseits klassischer Techno- und House-Erzählungen bewegt hat. Im Gespräch erinnert sich der DJ und Veranstalter der Italo-Disco Partyreihe Italorama Bar an die “Mitte-Szene”, verschwundene Venues und an jene musikalischen Verschiebungen, die Berlins Nachtleben bis heute prägen.
Wie hast du die Berliner Clublandschaft erlebt, als du Ende der 2000er angefangen hast, hier eigene Events zu veranstalten?
Ich bin 2007 nach Berlin gezogen und habe ca. 2009 angefangen, in Clubs aufzulegen und die ersten Slow Motion - Events zu organisieren. Zu der Zeit bin ich viel ausgegangen, um das Nachtleben der Stadt zu erkunden und nach Booking-Möglichkeiten zu suchen. Die Trennung zwischen den Szenen war damals sehr klar spürbar.
Für Enthusiasten unseres Sounds spielte sich das Nachtleben vor allem in Mitte und Prenzlauer Berg ab, also im Zentrum Berlins. Dort gab es viele spannende Venues wie Cookies, Tape, Picknick, Scala, Villa und einige mehr. Anders als in den stärker von Techno und Deep Minimal House geprägten Clubs war diese, nennen wir sie die „Mitte-Szene“, musikalisch eher mit Disco House, der New Yorker Punk-Funk-Bewegung, French Touch und Electroclash verbunden. Eine wirklich relevante Italo-Szene gab es damals noch nich
Foto: Artem Zamashnoy
Was hat dich an dieser Welt damals besonders angezogen, gerade im Vergleich zur House & Techno-Kultur in Berlin?
Die Mitte-Szene war weniger underground und rau, dafür aber auf ihre eigene Weise alternativer und offener. “Leftfield music” und verschiedene Subgenres hatten dort Raum, sich zu entfalten. Das Publikum war diverser, weniger auf eine bestimmte Art zu tanzen festgelegt, farbenfroher und musikalisch offener. Für mich lag der Reiz vor allem in der Vielfalt der Genres, die dort gespielt wurden. Ich konnte ausgehen und wurde jedes Mal überrascht.
Was meinst du genau, wenn du im Bezug auf diese Szene von „leftfield music“ sprichst?
Wenn ich von „leftfield music“ spreche, meine ich eine Haltung zur Musik, die keinem festen Genre-Schema folgt und sich nicht nur daran orientiert, was auf dem Dancefloor funktional erwartet wird. Es geht nicht darum sich zu verkünsteln sondern darum die Leute musikalisch zu überraschen.
Für mich ist das Musik, die zwischen Genres stattfindet und nicht unbedingt als “safe” oder einordenbar gilt und DJs die Freiheit gibt, sich zwischen verschiedenen musikalischen Stilen zu bewegen. So kann auf der Tanzfläche eine musikalische Reise entstehen, die überrascht.
Foto: Artem Zamashnoy
Viele der Venues in Mitte wie Tape und Picknick sind irgendwann verschwunden. Wie hat die Schließung dieser Clubs das Nachtleben der Stadt verändert?
Nach 2010 begannen die Venues in Mitte nach und nach zu schließen. Es fühlte sich an wie das Ende einer unglaublichen Ära. Gleichzeitig liebe ich Berlin genau dafür, dass hier immer wieder neue Möglichkeiten, Räume und Szenen entstehen, die sich gemeinsam mit der Stadt weiterentwickeln und verändern.
Das langsame Verschwinden der Mitte-Venues gab uns als DJs und Promoter die Chance, Orte zu erkunden, in denen wir vorher kaum die Möglichkeit gehabt hätten zu spielen. Plötzlich konnten wir in Venues mit mehreren Floors auftreten und dort unsere eigenen Partys hosten. So erreichten wir ein neues Publikum, das unserem Sound mit frischen Ohren begegnete.
Welche neuen Venues habt ihr nach dem Ende der „Mitte-Era“ bespielt, und wie haben sie eurer Szene geholfen, sich weiterzuentwickeln?
Zu der Zeit starteten wir die Wrong Era Eventreihe im Klein Reise und Studio X im Sameheads. Außerdem bespielten und hosteten wir Floors in der Renate [Wilde Renate]. Nachdem Klein Reise geschlossen hatte, zogen wir mit Wrong Era ins Loftus Hall. Kurz darauf begannen wir eine Zusammenarbeit mit der Griesmühle - damals noch in ihren frühen Tagen.
Regelmäßig Teil des Programms solch renommierter Orte zu sein, hat uns sehr geholfen, musikalische Grenzen weiter zu verschieben. Als unsere Partys in diesen Venues wuchsen, merkten wir, dass unsere DJs offen dafür waren, unkonventionelle und genreübergreifende Sets zu spielen, die sich frei zwischen verschiedenen Stilen bewegten. Und das Beste: das Publikum liebte es!
Wir konnten an einem Samstagabend z.B. eine Clubnacht mit der 80s-Cosmic-Legende Daniele Baldelli hosten und am nächsten Morgen eine Disco-Afterhour im Garten der Griessmühle veranstalten. Das waren großartige Zeiten.
Franz Scala im Sameheads. Foto: Artem Zamashnoy
Warum sind Berliner Crowds und Clubs aus deiner Sicht heute offener für ein breites stilistisches Spektrum?
Für mich lautet die Frage weniger “warum”, sondern “wie”: Durch open-minded Booker*innen und Kurator*innen, die in großen wie kleinen Venues verschiedene Genres zusammenbringen, hat die Crowd, denke ich gelernt, offen und experimentierfreudig zu sein.
Wenn du auf das Berliner Nachtleben heute schaust: Wo siehst du diese Offenheit am stärksten? Welche lokalen Szenen stehen für dich gerade besonders für diese Entwicklung?
Im Moment gibt es schöne Off-Location- und Secret-Location-Events, die sehr gut die Musik repräsentieren, die wir über die Jahre gepusht haben. Diese Events laufen meistens über Telegram-Gruppen oder man findet sie, indem man QR-Codes auf Postern in der Stadt scannt. Auch der Kater [Kater Blau] nimmt immer mehr neue Promoter und DJs auf, die wirklich “outside of the box” denken. Und inzwischen bin ich auch ein großer Sisyphos-Fan, weil die vielen Floors dort gut genutzt werden, um musikalische Vielfalt zu kuratieren.
Aber Sameheads ist für mich das perfekte Beispiel dafür, wie konstant hochwertiges und vielfältiges Genre-Booking DJs, Labels und alternative Musikrichtungen organisch wachsen lassen kann. Ich freue mich sehr, dass diese Venue inzwischen den Kult-Status zugesprochen bekommt, den sie verdient. Und ich freue mich auch zu sehen, dass renommierte Acts bereit sind, auf diesem kleinen Dancefloor zu spielen, weil sie verstehen, wie wichtig es ist, die Szene auch jenseits des “Hypes” zu erkunden.
Foto: Artem Zamashnoy
Mein erstes großes DJ-Booking war für eine Sameheads-Off-Location-Party - sogar noch bevor sie ihre eigene Venue eröffnet hatten. Später wurde ich dort Resident DJ. Seitdem verbindet mich eine langjährige musikalische Geschichte mit Sameheads, unter anderem durch gemeinsame Events und Festivals.
Franz und Labelpartner Fabrizio Mammarella im Sameheads. Foto: Artem Zamashnoy
Wenn du nach vorne blickst: Was möchtest du als Nächstes mit deinen eigenen Partys und deiner Community aufbauen? Und welche Zukunft stellst du dir für diese breitere Szene in Berlin vor?
Die Szene ist momentan lebendiger denn je. Es ist großartig zu sehen, wie sie stetig wächst und immer neue DJs, Produzent*innen und Supporter*innen dazukommen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass noch immer ein gut kuratiertes Festival fehlt, welches diese Bewegung bündeln könnte.
In der Vergangenheit haben wir Magic Waves und das New Dance Fantasy Festival mit kuratiert. Rückblickend waren die ersten wichtigen Schritte, welche die Berliner “leftfield-Crowd” zusammen brachten. Möglicherweise liegt genau darin das Schöne an dieser Szene: Sie entsteht aus Momenten, die irgendwann verblassen, aber die Schwingung der Stadt nachhaltig beeinflussen.
