BRIAN ANEURYSM
Mehr als zwei Jahrzehnte nach seiner ursprünglichen Veröffentlichung bekommt Bernhard Puchers Amplified ein neues Leben. Alias Brian Aneurysm auf Sub Static
Mehr als zwei Jahrzehnte nach seiner ursprünglichen Veröffentlichung bekommt Bernhard Puchers Amplified ein neues Leben. Das Album erschien erstmals 2003 unter seinem Alias Brian Aneurysm auf Sub Static und fing eine härtere, reduzierte Spielart von Minimal House und Techno ein, die sich damals in den europäischen Underground-Szenen entwickelte. Nun wurde Amplified anhand der ursprünglichen WAV-Dateien neu gemastert und um neue Interpretationen von B-Pushr, Miss MJ und Syrte erweitert. Die Wiederveröffentlichung erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem die Geschichte des Minimal Techno neu betrachtet und von einer jüngeren Generation wiederentdeckt wird.
Für Pucher ist das Reissue mehr als eine reine Archivarbeit. Nachdem er Iron Box Music aufgebaut, auf Labels wie Sub Static, Spectral Sound, Poker Flat und Onitor veröffentlicht und in Clubs wie Berghain und Tresor gespielt hatte, zog er sich fast zwei Jahrzehnte lang vom DJing und Produzieren zurück, um eine Karriere im Film zu verfolgen. 2025 kehrte er zur elektronischen Musik zurück, mit mehr als 20 Jahren zusätzlicher Lebenserfahrung, einem wiederbelebten Iron Box Music und einer neuen Perspektive auf jene Musik, die seine frühe Karriere geprägt hatte.
Wir haben mit Bernhard Pucher über Amplified, die Minimal-Szene der frühen 2000er, die Begegnung mit seiner eigenen Musik nach 23 Jahren und darüber gesprochen, wie es sich anfühlt, mit frischen Ohren auf den Dancefloor zurückzukehren. Brian Aneurysm x Mixmag DE Q&A
Q&A
Amplified erschien ursprünglich 2003. Wenn du diese Tracks heute, 23 Jahre später, hörst, was fällt dir als Erstes anders daran auf?
Was mir am meisten auffällt, ist, wie viel ich damals gesungen habe. Ich bin offensichtlich kein Sänger, aber mein blindes Selbstvertrauen hat einfach gesagt: Scheiß drauf.
Ich habe Tracks damals auch oft extrem schnell fertiggestellt, was ihnen eine gewisse Rohheit gibt. Aber ich muss zugeben, dass ich dazu heute ein kompliziertes Verhältnis habe. Auf der einen Seite ist das kompromisslose „Wen interessiert’s?“-Musik. Es gibt keine Regeln, und das ist großartig. Andererseits wünschte ich mir an ein paar Stellen, ich hätte mir etwas mehr Zeit genommen.
Ich weiß, dass ich das heute niemals noch einmal genauso hinbekommen würde. Dadurch ist es eine faszinierende Zeitkapsel, fast ein Porträt eines übermäßig selbstbewussten Kopfes, der sich über ziemlich wenig Gedanken gemacht hat.
Das Album erschien in einer Phase, in der sich Minimal in einige sehr interessante Richtungen entwickelte, besonders rund um Köln und Labels wie Sub Static. Was bedeutete diese Szene damals für dich und wo hast du dich selbst darin gesehen?
Auf all diese Kölner Labels bin ich durch Eric, also Maetrik beziehungsweise Maceo Plex, gestoßen. Als ich ihn kennengelernt habe, war er bereits bei Treibstoff gesignt und hat mich mit Tech House und Minimal bekannt gemacht.
Wir waren damals allerdings beide in Dallas und gehörten dort zu vielleicht einer Handvoll Menschen, die sich überhaupt für den Kölner Minimal-Sound interessierten. Mehr noch: Eric und ich waren eigentlich die einzigen, die diesen Sound in Dallas selbst produziert haben.
Dadurch entstand eine ziemlich seltsame, sich selbst nährende Blase, in der wir uns vor allem gegenseitig musikalisch beeinflusst haben, zusammen mit den wenigen Platten, die es überhaupt in den Laden geschafft haben. Wir konnten nicht einfach in Clubs gehen und anderen Leuten zuhören, die diesen Sound spielten, weil wir selbst die Einzigen waren, die ihn gespielt haben.
Es war weit entfernt und gleichzeitig sehr intim. Eine wirklich einzigartige Konstellation.
Dein Ansatz für Minimal wurde auch von Industrial Rock und Heavy Metal beeinflusst, wodurch deine Musik eine härtere und physischere Seite bekam. Wie hast du diese Sounds in die reduzierte Sprache von Minimal Techno übersetzt?
Im Gegensatz zu den meisten anderen Dance-Genres war Minimal für mich schon immer viel mehr eine Haltung als ein Genre.
Du kannst so leicht, dunkel, funky, seltsam, laut oder leise sein, wie du möchtest. Minimal Techno hat für mich eine ästhetische Bandbreite, die ich in anderen Dance-Genres einfach nicht sehe. Du kannst wirklich machen, was du willst.
Ich liebe housigere, groovigere und tiefere Tracks, aber gleichzeitig habe ich Aggression und Intensität als Klang schon immer geliebt. Ich war und bin ein riesiger Fan von Nine Inch Nails, Metallica, Meshuggah und Pantera. Aus irgendeinem Grund spricht mich dieser Sound unglaublich an.
Diese Energie auf Minimal zu übertragen, hat sich für mich nie fehl am Platz angefühlt. Zumindest für mich nicht.
Du hast deinen neuen B-Pushr „Frankenstein Mix“ als eine Version beschrieben, die Elemente aus jedem Track nimmt und komplett neu zusammensetzt. Wie war es, dein eigenes Material von 2003 auseinanderzunehmen und daraus im Grunde etwas völlig Neues zu bauen?
Das hat soooo viel Spaß gemacht!
Am Anfang wollte ich eigentlich nur den Titeltrack remixen. Dann habe ich gemerkt, dass es dort gar nicht so viel zu remixen gibt und ich ohnehin praktisch einen komplett neuen Track bauen würde.
Und dann kam mir der Gedanke: Warum nehme ich nicht Teile aus jedem einzelnen Song und remixe gleich das ganze Album statt nur eines Tracks?
Dadurch wurde es zu einem Puzzle. Ich musste jeden einzelnen Track immer und immer wieder durchgehen, um das richtige Snippet, die richtige Vocal oder den richtigen Sound zu finden, den ich verwenden konnte.
Bei den Vocal-Samples wollte ich zum Beispiel nicht einfach irgendwelche zufälligen Teile nehmen. Sie sollten miteinander sprechen, also mussten die Wörter auch tatsächlich zusammen Sinn ergeben.
Außerdem habe ich diesen circuit-bent Kassettenrekorder mit dem Spitznamen „Frank“. Ich habe ihn im Grunde komplett auseinandergenommen und geöffnet, damit ich ihn neu verkabeln konnte. Er sieht aus, als hätte ich seine Eingeweide herausgerissen, weshalb er ein bisschen wie Frankensteins Monster aussieht.
Aber verdammt, dieses Ding produziert einige richtig geile glitchige Sounds.
Es war wirklich ein unglaublich schöner Prozess.
Das Remix-Paket enthält außerdem sehr unterschiedliche Interpretationen von Miss MJ und Syrte. Was wolltest du von anderen Artists hören, als du ihnen Material überlassen hast, das mehr als zwei Jahrzehnte alt ist?
Ich wollte das Spektrum des Albums erweitern, weil ich glaube, dass dadurch auch die ursprünglichen Tracks in einen neuen Kontext gesetzt werden.
Deshalb war Syrte für mich eine offensichtliche Wahl. Ich liebe es, mich in seiner Musik zu verlieren und bei jedem Hören neue Gedanken und Texturen darin zu entdecken. Sein Remix nimmt diesen trockenen, industriellen Ton der Originale und fügt eine unglaubliche, komplexe Tiefe hinzu. Ich liebe ihn.
Bei Miss MJ hingegen wollte ich einfach, dass sie verdammt noch mal den Techno bringt.
Ich habe zwar meinen Track „Brot“ auf dem Album, aber ich wollte etwas, das mein Minimal-Material nimmt und es mit dem Gesicht voran in einen zeitgenössischen Techno-Banger rammt.
Und genau das hat sie brillant umgesetzt.
Ich bin tatsächlich über Instagram auf sie gestoßen, nachdem sie dort einen unglaublich guten Techno-Track gepostet hatte, den sie produziert hatte. Ich wusste sofort, dass sie die richtige Person dafür ist.
Ich musste ihr überhaupt keine Anweisungen geben. Sie hat die Aufgabe sofort verstanden.
Du hast Iron Box Music 2001 gegründet und innerhalb relativ kurzer Zeit unglaublich viel Musik veröffentlicht. Was hat diese intensive kreative Phase und die starke Labelaktivität rückblickend angetrieben?
Hauptsächlich hatte ich auch einfach keine Ahnung, was ich da eigentlich gemacht habe. Und das ist unglaublich befreiend, weil man dadurch eine Menge schafft.
Außerdem war ich Anfang 20 und habe, wenn ich nicht gerade an der Universität war, eigentlich nur an Musik gearbeitet.
Es war eine Form von Freiheit, die ich danach nie wieder auf dieselbe Weise erlebt habe.
Zwischen 2003 und 2006 hast du unter anderem im Berghain und Tresor gespielt, bevor du dich mit der Entwicklung deiner Filmkarriere aus der elektronischen Musik zurückgezogen hast. Was hat dich 2025 dazu gebracht, wieder mit DJing und Produktion anzufangen?
Über die Jahre hatte ich jedes Mal, wenn ich bei einem Maceo-Plex-Gig war, dieses Gefühl, wie sehr ich das alles vermisse.
Aber ich habe diese Gedanken immer wieder weggedrückt, weil ich für mich ganz klar entschieden hatte, dass dieses Leben hinter mir liegt. Das war abgeschlossen.
Dann begann mein Sohn Vincent mit elf Jahren Musik zu produzieren und hat sich im Grunde alles selbst über YouTube beigebracht, mit ein bisschen Hilfe von mir hier und da.
2024, als er 16 war, haben seine Produktionsfähigkeiten plötzlich einen riesigen Sprung gemacht. Auf einmal waren wir weniger Vater und Sohn und mehr zwei DJs und Produzenten, die beim Frühstück mit Eiern und Bacon vollkommen nerdige Gespräche über Synthesizer geführt haben.
Also dachte ich mir: Scheiß drauf, ich probiere es einfach noch einmal und schaue, wie es sich anfühlt, wieder Musik zu machen.
Und der Virus hat mich sofort wieder gepackt.
Aber ich musste eine klare Entscheidung treffen: Wenn ich zurückkomme, dann richtig oder gar nicht. Nicht dieses Hobbyisten-Zeug, bei dem ich irgendwelche Sachen produziere, die am Ende niemand hört.
Um das zu testen, habe ich meine ersten Tracks fertiggestellt und sie einigen Leuten vorgespielt, deren Meinung ich vertraue. Das Feedback war unglaublich positiv.
Mit ein bisschen mehr Arbeit hatte ich das Gefühl, dass ich wieder auf dieses Pferd steigen und mich dabei tatsächlich gut fühlen könnte.
Danach gab es für mich kein Zurück mehr.
Nach und nach hat sich mein Esstisch in ein Produktionsstudio verwandelt. Inzwischen müssen Vincent und ich auf meinem Sofa im Wohnzimmer frühstücken.
Es fühlt sich an wie ein verdammt lange überfälliges Jucken, das endlich gekratzt wird.
Und es fühlt sich soooo gut an.
Du hast fast zwei Jahrzehnte lang nicht aktiv produziert oder aufgelegt. Hat diese Distanz verändert, wie du heute über elektronische Musik denkst, oder hat sie dir eher gezeigt, wie sehr sie die ganze Zeit noch Teil von dir war?
Elektronische Musik hat mich nie verlassen.
Jedes Mal, wenn ich Dance Music oder ein DJ-Set höre, denke ich über das Mixing, das Sounddesign, das Arrangement und all diese Dinge nach.
Wenn dein Gehör einmal darauf trainiert ist, verschwindet das nie wieder.
Aber es ist wie bei einer Sprache: Sie zu verstehen und sie selbst zu sprechen sind zwei unterschiedliche Fähigkeiten.
Zu lernen, diese Sprache wieder zu sprechen, war eine interessante Herausforderung. Aber sie steckt in mir.
Das war immer so und wird auch immer so bleiben.
Du hast außerdem Musikvideos für Maceo Plex gedreht, darunter das Concept-Performance-Video zu „'93“. Wie hat deine Arbeit im Film und visuellen Storytelling beeinflusst, wie du heute an Musik herangehst?
Für mich gehörten diese beiden Dinge schon immer zusammen.
Ich kann nicht über Musik nachdenken, ohne dabei Bilder zu sehen, und genauso wenig kann ich über Bilder nachdenken, ohne Musik mitzudenken.
Ich habe das gesamte Artwork für Iron Box selbst gestaltet. Ich war eigentlich schon immer audiovisuell orientiert, und Musikvideos sind einfach der spaßigste Teil davon.
Zur Unterstützung des Albums veröffentliche ich gerade einige kurze Musikvideo-Reels auf meinen Socials, weil Musik und Bild für mich einfach sehr eng zusammengehören.
Während Amplified einer neuen Generation vorgestellt wird, startest du gleichzeitig Iron Box Music neu und produzierst wieder. Wie sieht das nächste Kapitel für Brian Aneurysm beziehungsweise B-Pushr aus?
B-Pushr ist für mich eine Möglichkeit, meinen Sound unter einem Namen zusammenzuführen.
Ich mochte es nie besonders, für unterschiedliche Sounds all diese verschiedenen Artist-Namen zu haben. Das war alles ich und ist es noch immer. Warum sollte ich mich also künstlich aufteilen?
Ich werde keine neue Musik mehr als Brian Aneurysm oder EchoPilot veröffentlichen. Alte Tracks werde ich aber wahrscheinlich noch einmal neu herausbringen und mit neuen Remixen versehen.
Im November erscheint außerdem eine neue B-Pushr-Single auf Iron Box mit dem Titel „Spiral“ und Vocals von Imani und Via. Es ist eine glitchige, atmosphärische Minimal-House-Single. Der Release wird außerdem einen Remix von Vinnx und einen bouncigen Minimal-Track auf der B-Seite enthalten.
Ich habe außerdem Matthias Schaffhauser geremixt, was, glaube ich, im Oktober erscheint, und ich spreche momentan mit einigen Labels über neue Releases.
Es sieht also ziemlich gut aus.
Und ehrlich gesagt ist das schon mehr, als ich mir jemals hätte wünschen können.
