Spacer Woman: In Bewegung Bleiben
Als Spacer Woman zum ersten Mal öffentlich spielte, gab es nichts, das diesen Moment als Anfang markierte. Eine Off-Location in Brandenburg, getragen von Vertrauen, Organisation und der kollektiven Bereitschaft, für eine Nacht zu verschwinden. Es ging nicht darum, wer spielte, sondern darum, wie sich der Raum verändern würde, sobald sich der Sound durch ihn bewegte.
Schon damals galt ihre Aufmerksamkeit weniger einzelnen Tracks als dem Übergang zwischen Momenten. Musik verstand sie nicht als Aneinanderreihung von Einheiten, sondern als emotionale Instrumente, die Zeit und Wahrnehmung biegen können. Es ging nie darum, „Menschen zum Tanzen zu bringen“, sondern darum, einen Raum zu schaffen, in dem man nach innen treiben kann, ohne performen zu müssen. Der Dancefloor war für sie von Anfang an ein Ort innerer Bewegung.
Diese Haltung sollte später ihr künstlerisches Selbstverständnis prägen. Atmosphäre vor Behauptung. Mehrdeutigkeit, die bestehen darf, ohne sich in Spektakel auflösen zu müssen. Musik muss nicht erklären, wohin sie führt. Es genügt, dass sie sich bewegt.
Auch unser Gespräch entfaltet sich wie eines ihrer Sets: kreisend um Erinnerungen, verweilend bei Zweifeln, Bedeutung nicht erzwungen, sondern langsam freigelegt. Was entsteht, ist keine Karriere in Meilensteinen, sondern ein Prozess des Werdens, bewusst unvollendet.
Konstant geblieben ist seit jener Nacht in Brandenburg nicht Selbstsicherheit oder Ehrgeiz, sondern die Bereitschaft, ohne Gewissheit weiterzugehen. Vorwärts zu treten, ohne dass der Boden vollständig stabil sein muss. Nicht als Mutprobe, sondern als Praxis.
„Schon bei diesem ersten Rave habe ich mein Set als eine Form von Storytelling verstanden“, sagt sie. „Ich wollte nie einfach nur Tracks spielen. Es ging darum, Menschen emotional irgendwohin mitzunehmen.“
Diese Verbindung war nie laut oder spektakulär. Eher eine langsame Hypnose als ein Ausbruch. „Es ging nie nur ums Feiern“, sagt sie. „Es ging darum, eine Reise zu schaffen, in der man für eine Weile verschwinden kann.“
Begriffe wie Reise, Verschwinden, emotionale Anziehung sind keine rückblickenden Erklärungen. Sie waren von Anfang an da. Auch ihre frühen Plattenauswahlen folgten dieser inneren Logik: Italo, Indie Dance, Dark Wave, Musik mit Melancholie, mit Weichheit im Vorwärtsdrang.
Ein Moment ist ihr besonders geblieben: J-Zbels „Tunnel Vision“, gespielt von Adiel auf einem Festival. „Wir waren eigentlich schon auf dem Weg zum Zelt. Als der Track lief, sind wir sofort zurück zur Bühne gerannt. Dieser Moment beschreibt meinen Sound bis heute.“
Kurz zuvor hätte alles beinahe nicht stattgefunden. Am Tag vor ihrem ersten Set übernahm die Panik. „Ich dachte ganz klar: Ich kann das nicht.“ Fast hätte sie abgesagt.
Das Gefühl verschwand nie. Es veränderte nur seine Funktion. „Ich hatte immer Angst. Aber ich habe es trotzdem gemacht.“
Ein ähnliches Muster wiederholte sich beim Umzug nach Berlin. Geboren in Izmir, aufgewachsen in Bursa, später Filmstudium in Istanbul, war sie mit Übergängen vertraut. Doch Berlin verlangte Geduld.
„Das Schwierigste war nicht die Musik, sondern Integration. Sprache, Arbeit, Stabilität, mentale Gesundheit.“ Erst als sie sich geerdet fühlte, bekam ihre Leidenschaft Raum.
Diese Verzögerung veränderte ihren Umgang mit Ehrgeiz. Keine Dringlichkeit, sondern Akkumulation. „Vielleicht hat mein Weg länger gedauert, aber ich habe stärkere Grundlagen aufgebaut.“
Diese Langsamkeit prägt auch With Every Step, ihre kommende Veröffentlichung auf Ritmo Fatale. Der Track entstand nicht aus Strategie, sondern aus Beziehung. Die Verbindung zu Kendal entwickelte sich über Jahre, getragen von gemeinsamen Werten.
„Kendal respektiere ich sehr, nicht nur musikalisch, sondern auch wegen seiner Haltung gegenüber Community. Er unterstützt Künstler wegen ihrer Musik, nicht wegen Zahlen.“
Der Track fand sein Zuhause nicht durch Kalkül, sondern durch natürliche Übereinstimmung.
Ein Muster wird sichtbar: Wachstum als Kontinuität, nicht als Eskalation. Zweifel verschwinden nicht. Dinge brauchen Zeit. Spacer Woman hat gelernt, innerhalb dieser Bedingungen zu arbeiten.
Ihre eigene Stimme in With Every Step so offen einzusetzen, war keine technische Entscheidung, sondern eine Konfrontation. Früher nutzte sie Vocals distanziert, fragmentiert. Diesmal fiel die Distanz weg.
„Ich wollte immer singen. Aber ich brauchte Zeit, um den Mut dafür zu finden.“
Ursprünglich enthielt der Track Samples. Funktional, aber unpersönlich. „Es fühlte sich nicht ehrlich genug an.“ Also entschied sie sich, selbst zu singen, obwohl sie nicht wusste, wie.
„Niemand sieht die Vision in deinem Kopf. Manchmal musst du einfach deinem Instinkt vertrauen.“
Es ging nicht um Beeindrucken, sondern um Notwendigkeit. „Wenn Menschen sich darin wiederfinden, wird es noch bedeutungsvoller.“
Im Dialog mit Close Your Eyes zeigt sich ein weiterer Aspekt. Beide Tracks tragen dieselbe emotionale Stimme, erzählen jedoch unterschiedliche Geschichten.
„With Every Step geht darum, weiterzugehen, egal was passiert“, sagt sie. „Close Your Eyes handelt vom Loslassen, vom Rückzug nach innen.“
Keine Neuerfindung, sondern Verdichtung. „Ich werde selbstbewusster in meinem Weg und kompromissloser in meiner Kreativität.“
Verletzlichkeit ist für sie keine Option, sondern Voraussetzung. „Wenn du ehrlich sein willst, musst du verletzlich sein.“
Ein Wendepunkt war der Moment, als sie erneut hörte, sie solle die Idee fallenlassen. Sie tat es nicht.
„Ehrlichkeit ist keine Schwäche. Dort beginnt bedeutungsvolle Kunst.“
Auch die Residency im PRNCPTL kam nicht als Ziel, sondern als Konsequenz. Lange fühlte sie sich verbunden und zugleich strukturell allein. „Ich fragte mich oft, ob ich irgendwo wirklich dazugehöre.“
Mit der Zeit erkannte sie, dass Nicht-Perfekt-Passen Teil ihrer Identität ist. Die Residency war kein Beweis, sondern ein natürlicher Schritt.
Ihr Rat an ihr jüngeres Ich ist simpel: „Entspann dich. Dinge passieren in ihrem eigenen Tempo.“
Musik bleibt für sie emotionale Verarbeitung. Schon als Jugendliche baute sie sich durch Alben innere Welten. Heute beginnt alles mit Selbstarbeit. Journaling, Reflexion, Film und visuelle Kunst bilden den Rahmen. Rhythmus kommt später.
„Menschen können tanzen und trotzdem etwas Echtes fühlen.“
Diese emotionale Kontinuität zeigt sich auch in ihrer Neuinterpretation von In The Shadows von The Rasmus. „Es beschrieb das Gefühl, Außenseiter zu sein.“ Die Neuinterpretation war Rückverbindung und Heilung zugleich.
Community ist für sie Überleben, nicht Branding. Wahlfamilie in Berlin. Künstler, die Spiegel statt Applaus bieten. Eine prägende Figur ist Lady Gaga.
„Was mich inspiriert, ist, dass sie nie kompromittiert hat, wer sie ist.“
Musik ist für Spacer Woman nie nur Klang. Sie ist Emotion, Storytelling, Heilung. Schon als Teenager inszenierte sie sich in kleinen Fotoshootings. Kein Performen für andere, sondern Exploration.
„Wenn ich durch Musik Momente schaffen kann, an die Menschen sich erinnern, nicht wegen mir, sondern wegen ihres Gefühls, dann ist das das Schönste.“
Was Spacer Woman aufbaut, verlangt keinen Konsens. Es definiert sich nicht vorschnell. Es bewegt sich weiter, wie in jener Nacht in Brandenburg. Weniger interessiert an Ankunft als an Aufmerksamkeit. Weniger am Gesehenwerden als am Fühlen.
Die Arbeit geht weiter. Nicht als Statement, sondern als Praxis. Zuhören. Vertrauen. In Bewegung bleiben.
