Zwischen Mexico City und Berlin: KONZ über Latinx Visibility, Clubkultur und den Unterschied zwischen Hype und Support
Latin-influenced Club Music ist in Berlin längst mehr als ein kurzer Peak im Set. Latinx Artists, diasporische Communities und queere Kollektive prägen, wie die Stadt gerade tanzt und welche Fragen dabei mitschwingen: Wer bekommt Sichtbarkeit? Wer wird gebucht? Und wann wird aus kulturellem Austausch bloßer Hype?
KONZ schaut aus einer besonderen Position auf diesen Moment. 2022 zog die DJ aus Mexico City nach Berlin. Seitdem spielte sie unter anderem im Tresor, im Sisyphos, in der Else, bei Pornceptual in der Alten Münze, bei The Lot Radio in New York und beim CSD an der Mexikanischen Botschaft. Mit World Wide Wet, dem Kollektiv, welches sie mitgegründet hat, will sie lateinamerikanischen Artists Plattformen geben unabhängig davon, in welchem elektronischen Subgenre sie sich bewegen.
Latinx Visibility statt Latin-Hype
Für KONZ wurde die Entwicklung nach der Pandemie sichtbarer. „Ich bin der Meinung, dass Latin America gerade weltweit einen Boom erlebt. Das ist schon seit ein paar Jahren so. Man sieht es mittlerweile auch auf einem Mainstream-Niveau.“
In Berlin zeigt sich diese Verschiebung nicht nur in einzelnen Trends, sondern in Räumen. Kollektive und Partys wie Puticlub und Fiestuki schaffen Kontexte, in denen queer Latinx Artists, Latin-influenced Club Sounds und Community zusammenkommen. Dort geht es nicht nur um dirty Perreo, Latincore oder Latin Bass, sondern um eine Clubsprache, die Herkunft, Körper und Zugehörigkeit zusammen denkt.
KONZ bei den La Torre de Teléfonos, New Mexico. FOTO: Tatsumi Milori
Zwei Szenen, eine Perspektive
Als KONZ 2022 nach Berlin kam, begann sie noch einmal von vorne. Sie ging alleine ins Berghain, lernte Menschen kennen, fand Kontakte und Freundschaften. Die Berliner Clublandschaft wurde für sie zur Masterclass.
„Man lernt voneinander, man unterstützt sich gegenseitig in der Clublandschaft. Die Leute sind Musik-Nerds und das hat mich als Künstlerin extrem weitergebracht.“
Zwischen Mexico City und Berlin sieht sie keine Einbahnstraße. Mexico übernimmt bestimmte Codes aus europäischen Techno-Kontexten: keine Fotos auf dem Dancefloor, Sticker auf Kameras, ein anderes Verständnis von Clubetikette. Gleichzeitig bringt Mexico City eine andere Haltung mit: weniger Regelhaftigkeit, mehr Experimentierfreude. „In Berlin ist die Szene schon vorgegeben, in Mexiko hat es ein eigenes Herz. In Berlin wird es manchmal zu ernst genommen. It’s not that deep babe. Hab Spaß.“
KONZ auf dem Dach ihres Wohnhauses im Bezirk Centro Historico, Mexico City. FOTO:Tatsumi Milori
Support ist mehr als Sound
Die entscheidende Frage beginnt dort, wo Latin-influenced Club Music zum Trend wird. Wann entsteht kultureller Austausch - und wann wird nur ein Sound konsumiert?
„Die Grenze verläuft dort, wo etwas nur noch als Trend konsumiert wird, ohne wirklich zu verstehen, woher diese Sounds kommen und wer sie eigentlich seit Jahren geprägt hat.“
Ein paar Percussions oder Spanish Vocals machen noch keinen Austausch. Entscheidend ist, ob Latinx Artists eingebunden werden, ob Communities supportet werden und ob Produzent:innen, deren Tracks längst gespielt werden, auch selbst auf Line-ups auftauchen.
Mit World Wide Wet (wwwet) setzt KONZ genau dort an. Das Kollektiv hat in Berlin Partys veranstaltet und arbeitet an einer EP mit Latin Artists. Der Release soll keinen einzelnen Sound definieren, sondern verschiedene lateinamerikanische Positionen hörbar machen.
„Wir wollen Latin Artists eine Plattform geben, sich so auszudrücken, wie sie möchten. Einfach mehr Repräsentation schaffen, egal in welchem Subgenre sie sich ausdrücken wollen.“
FOTO:Tatsumi Milori
Wer Raum bekommt
Als Artists, die diesen Moment mitprägen, nennt KONZ unter anderem Peter Blue, der verschiedene Latin Genres innerhalb elektronischer Musik zusammenbringt. Kodemul aus Mexico City beschreibt sie als wichtige Figur der dortigen elektronischen Szene, unter anderem durch seine Party „Por Detroit“. Auch Andy Martin und Isabel Soto stehen für lateinamerikanisches Talent, das international stärker wahrgenommen werden sollte.
Mit wwwet arbeitet KONZ genau an dieser Sichtbarkeit weiter. Im September veröffentlicht die Berliner Plattform ihre erste EP, auf der lateinamerikanische Artists in den Fokus gerückt werden. Nach über zehn Events, sechs Podcast-Episoden und einem Mexico-City-Showcase geht es wwwet dabei nicht um ein enges Genre-Statement, sondern um eine Plattform für unterschiedliche Positionen innerhalb elektronischer Musik. Repräsentiert werden unter anderem BBY JSS, Echowoman, Femalien, Orti, Signal Deluxe und djslut - Artists, deren Sounds von Techno, Electro und Breaks bis zu experimentellen, basslastigen und audiovisuellen Ansätzen reichen. „Die Talente sind da. Wir müssen nur Platz dafür machen.“
Vielleicht wird die Brücke zwischen Mexico City und Berlin dort konkret, wo aus Austausch Infrastruktur wird: in Releases, Räumen und Netzwerken, die Artists nicht nur mitmeinen, sondern sichtbar machen.
FOTO:Tatsumi Milori
